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Ideal vs. Realität – Selbstbild, Lebensweg und Beziehungen im Spannungsfeld

  • Autorenbild: Annekathrin Bethke
    Annekathrin Bethke
  • 17. Sept. 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Wir alle tragen Bilder in uns: von uns selbst, von unserem Lebensweg, von der „richtigen“ Beziehung. Diese Bilder entstehen durch Erziehung, Kultur, Medien, aber auch durch aktuelle Diskurse. Sie können Orientierung geben – und gleichzeitig Druck erzeugen.



Das Ideal vom Selbst und vom Leben


Kaum jemand geht unbeeinflusst durch das Leben. Wir lesen Ratgeber, hören Podcasts, konsumieren Social Media und stoßen ständig auf Narrative: „Finde deine Berufung“, „Gestalte dein Leben bewusst“, „Leiste Care-Arbeit gerecht“.

Die Auseinandersetzung mit solchen Themen ist wertvoll, weil sie Dinge sichtbar macht, die sonst unsichtbar blieben – etwa den Mental Load oder die ungleiche Aufteilung von Care-Arbeit. Gleichzeitig verändert diese Beschäftigung unser Selbstbild: Wer einmal verstanden hat, wie viel Ungleichgewicht in einer Beziehung herrscht, kann kaum wieder „unschuldig“ zurück. Doch das erzeugt auch neue Erwartungen: Wenn 50:50 das Ideal ist, droht ständige Enttäuschung, weil die Realität meist komplexer ist.



Beziehungsideale und Enttäuschungspotenzial



Medien, Literatur und gesellschaftliche Debatten zeichnen oft Bilder von der „perfekten Beziehung“ – gleichberechtigt, leidenschaftlich, stabil und erfüllend zugleich. Doch in der Realität ist Beziehung ambivalent: Nähe und Distanz wechseln sich ab, Aufgaben verteilen sich nicht immer gerecht, und Liebe bleibt ein Gefühl, das nicht in Checklisten passt.

Das Ideal hilft, Missstände zu erkennen. Aber es kann auch dazu führen, dass wir jede Abweichung als Scheitern deuten. Damit wächst das Risiko von Frustration – nicht, weil die Beziehung schlecht ist, sondern weil das Ideal unerreichbar bleibt.



Zwischen Feminismus und eigener Erfahrung



Ein besonders spannungsreicher Bereich ist die Auseinandersetzung mit dem Patriarchat. Wer sich intensiv damit beschäftigt, erkennt strukturelle Machtverhältnisse – und fühlt möglicherweise Wut oder Frust. Gleichzeitig bleibt die persönliche Erfahrung: Man kann Männer mögen, begehren, lieben.

Das fühlt sich manchmal wie ein Widerspruch an, ist aber keiner. Es ist Ausdruck von Ambiguität: Wir können Systeme kritisieren und trotzdem Beziehungen mit Individuen leben, die in diesen Systemen verortet sind.



Wo diese Spannungen noch auftauchen



  • Körperbilder: Zwischen Body Positivity und Fitness-Ideal.

  • Arbeitswelt: Zwischen „Berufung finden“ und „Geld verdienen müssen“.

  • Elternschaft: Zwischen bedürfnisorientierter Erziehung und Alltagsermüdung.

  • Freundschaften: Zwischen Loyalitäts-Ideal und der Realität von Distanz, Umzügen oder Zeitmangel.




Ambiguitätstoleranz als Schlüssel



Am Ende läuft vieles darauf hinaus, wie wir mit Spannungen umgehen. Weder Ideale blind übernehmen noch alles relativieren – sondern die Fähigkeit entwickeln, Widersprüche auszuhalten. Ambiguitätstoleranz bedeutet, nicht sofort auflösen zu müssen, was paradox wirkt: Dass wir Gleichberechtigung wollen, aber Kompromisse machen. Dass wir Strukturen kritisieren, aber Individuen lieben. Dass wir hohe Ansprüche haben – und dennoch mit Unvollkommenheit leben.


Vielleicht liegt genau darin ein realistisches Ideal: nicht Perfektion, sondern die Fähigkeit, mit den Brüchen und Grautönen des Lebens umzugehen.

 
 
 

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